Das Thema Nachhaltigkeit ist in der heutigen Zeit zu einem wesentlichen Trendthema avanciert. Unternehmen setzen sich für fair produzierte Kleidung ein, 7 Millionen Menschen in Deutschland sind Vegetarier und der Nachbar von neben an kauft neuerdings nur noch im Bioladen. Jeder will die Welt, durch seinen neuen, ökologisch wertvollen Lebensstil, ein Stückchen besser machen. Doch bringt uns das wirklich weiter oder ist unser Drang nach Weltverbesserung einfach nur Selbstbetrug?

Wir schreiben das Jahr 2012. In einer Textilfabrik in Dhaka, einer Millionenstadt in Bangladesch, bricht während der Arbeitszeit ein Feuer aus. Etwa 1000 Menschen befinden sich im Gebäude. Mindestens 115 schaffen es nicht rechtzeitig, sich vor den Flammen zu retten, verbrennen bis zur Unkenntlichkeit. Oft sind die Fluchtwege in den Fabriken vollgestellt oder gar nicht erst vorhanden- richtige Fluchtmöglichkeiten aus dem Gebäude somit schwierig bis unmöglich. Die Folgen sind dramatisch, wie auch bei diesem Beispiel. Sicherheitsvorkehrungen werden in Bangladesch noch lange nicht so groß geschrieben, wie in Europa oder anderen Ländern. Hier zählt nur eins: Textilien so billig wie möglich herzustellen, ohne dabei auf menschwürdige Arbeitsbedingungen und Löhne zu achten.

Natürlich lösen solche Katastrophen, wie der Großbrand in Dhaka, riesige Diskussionen aus. Die Produktion von großen Billigketten wie Kik, C&A oder Primark erfolgt ausschließlich in Ländern wie Bangladesch, China oder Indonesien. Natürlich stellt sich die Frage, ob der Westen moralisch mitverantwortlich gemacht werden kann, für die Missstände von Arbeitern und schlechten Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern wie Bangladesch. Aber was kann ein kleiner Endverbraucher bewegen, um sich selbst besser zu fühlen? Die meisten sagen ganz klar: ,,Boykottieren!’’ Aber hilft das wirklich?

Lösen Boykotte das Problem?

Boykotte können auch nach hinten losgehen. Zwar würden wir uns moralisch besser fühlen, weil wir gegen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen protestieren und damit die Welt verbessern wollen, jedoch würden folglich große Konzerne in ihrem Umsatz rote Zahlen schreiben. Die Folge: Viele Arbeiter müssten ihre Jobs in der Textilindustrie aufgeben und stattdessen anderweitig ihr Geld verdienen. Müll sammeln, in Steinbrüchen arbeiten oder Prostitution sind da beliebte Ausweichmöglichkeiten. Nicht viel besser oder?

Natürlich stellt sich die Frage, ob Konsumenten, die wir alle sind, nicht einen Einfluss darauf haben könnten, dass sich die allgemeinen Produktionsbedingungen in Textilfabriken in Bangladesch und anderen Produktionsländern verbessern. Der Wille ist da, die Umsetzung dagegen gestaltet sich problematisch. Bessere Löhne und Arbeitsbedingungen könnten dazu führen, dass weniger Menschen in der Textilindustrie arbeiten könnten. Ein Fallbeispiel: In den 90ern wurde der Mindestlohn in Indonesien verdoppelt, nachdem die US-Regierungen mit Maßnahmen für die Arbeitgeber gedroht hatte. Viele Fabriken mussten ihre Arbeiter entlassen oder ihren Betrieb komplett einstellen, die Beschäftigungsrate brach um bis zu 36 Prozent ein.

Es ist also schwieriger als gedacht, ein besserer Mensch zu sein. Aber nicht nur in der Textilindustrie herrscht Lug und Trug. ,,Wir sind fair, leben bio, fahren öko. Doch das neue Bewusstsein ist nur eine Fassade, hinter der die alte, schmutzige Konsumwirtschaft quicklebendig ist.’’ 2011 veröffentlichten die Journalistinnen Sina Trinkwalder und Eike Wenzel in der TAZ das ,,Manifest gegen Nachhaltigkeit’’ und lassen sich über die Geldmacherei mit angeblich fair und grünen Produkten aus. ,,Nie war es so einfach, ein besserer Mensch zu sein’’, heißt es an einer Stelle. Dabei sei vielen Leuten nicht klar, dass es sich generell um einen fairen Kreislauf während der Produktion handeln sollte und nicht nur um das ökologische Endprodukt, das am Ende herauskomme. Viele Konzerne nutzen den Wunsch nach ,,grüner Lebensweise’’ gekonnt aus und verdienen mit ihren Lügen Millionen. Ökologische Innovationen würden schließlich nichts bringen, wenn sie auf die Kosten der Menschen geht, die diese produzieren.

Man befindet sich im regelrechten Teufelskreis der Nachhaltigkeit. Viele Konzerne würden ihre Produktionsstätten nicht ausreichend kontrollieren. Niemand könnte richtig nachweisen, wie bio und fair produziert ein Produkt tatsächlich ist und die Sehnsucht der Kunden nach Öko-Produkten einfach schamlos ausnutzen. Merkt ja keiner, ob alles öko ist, was als öko verkauft wird. Hauptsache das schlechte Gewissen des Konsumenten ist besänftigt. Und so können sich Weltkonzerne für etwas ausgeben, was sie eigentlich nicht sind- nämlich fair.

Am Ende bleibt die Frage

Ist Nachhaltigkeit nur Humbug? Die Journalistinnen Sina Trinkwalder und Eike Wenzel glauben, dass das ,,Geschäftsmodell Nachhaltigkeit’’ langfristig nicht den gewünschten Effekt erzielen wird. Um die Ökonomie der Zukunft zu sichern, müssten andere Strategien her. Wertschöpfungsketten müssen beispielsweise zu verlustfreien Kreisläufen werden, erst dann könnte sich der Kreislauf grundlegend verändern und das Greenwashing der Konzerne verhindert werden.