Mit der Idee einer kleinen Geste startet eine britische Modedesignerin eine soziale Bewegung und zielt auf die große Revolution in der Modewelt.

August 2015 in Dhaka, Bangladesch. Anna Holl, eine 21-Jährige deutsche Journalismus-Studentin, die sich für Gerechtigkeit in armen Nationen engagiert, besucht die 19 Jahre junge Näherin Arifa Sultana Anni. Arifa arbeitet seit drei Jahren für die Textilfabrik Elite Garments in Dhaka. Schon seit langer Zeit ist sie wegen beschwerlicher Arbeitsbedingungen unzufrieden mit ihrem Job. Daher bemüht sie sich darum, gemeinsam mit anderen Mitarbeitern ihrer Fabrik eine Gewerkschaft zu gründen. Sie wollen sich für den Wandel der Textilindustrie Bangladeschs einsetzen. Doch mit dieser Idee stoßen sie auf Widerstand bei der Fabrikleitung und der Regierung. Als Anführerin der Gewerkschaftsinitiative wird Arifa stark unterdrückt, ihr Lohn wird ihr aberkannt, sie erfährt Gewalt und verliert letztendlich ihren Job. Arifa ist eine von rund drei Millionen Menschen, die in Bangladesch unter miserablen Bedingungen in der Kleidungsproduktion arbeiten.

Auch sie hätte dabei sein können, als am 24.April 2013 das Rana Plaza, ein achtstöckiges Fabrikgebäude in Dhaka aufgrund nicht eingehaltener Sicherheitsvorschriften einstürzte und über 2400 Textilarbeiter unter sich begrub. 1131 Tote. Das wohl schlimmste Unglück, das es in der Textilbranche je gegeben hat. Die Opfer hatten für internationale Modeunternehmen Kleidung produziert. Kleidung, die wir womöglich in unserem Schrank hängen haben.

Seither hat sich einiges bewegt. Unter anderem haben auf Drängen der Kampagne für saubere Kleidung, eine Allianz von freiwilligen Organisationen in 16 europäischen Ländern, zahlreiche Unternehmen in Bangladesch ein Abkommen zu Brandschutz und Gebäudesicherheit unterzeichnet. Doch trotzdem gibt es Dokumentationen, die beweisen, dass viele Firmen die Regelungen des Abkommens nicht einhalten.

Daher muss noch viel passieren, bis die Arbeiter, die unsere Kleidung fertigen, unter menschenwürdigen Bedingungen arbeiten können. Denn erst, wenn die großen Modeunternehmen hierzulande von ihren Kunden, uns Konsumenten, Druck gemacht bekommen, geraten sie in Zugzwang und müssen ihre Firmenpolitik ändern. Wie wir das erreichen?

Darauf antwortete die britische FairTrade-Fashion-Aktivisten Carry Somers mit der internationalen Initiative des „Fashion Revolution Day“ (FashRavDay). Jedes Jahr am 24.April, fordert sie Menschen wie dich und mich, Menschen die Mode konsumieren, dazu auf, ihre Kleidung auf links zu drehen und sich das Etikett anzusehen. Dieser Akt soll symbolisieren, dass man die Herkunft seiner Kleidung hinterfragt. Eine kleine Geste, die Großes bewirken kann.

Denn wenn die Konsumenten beginnen, sich dafür zu interessieren, wo ihre Mode herkommt und sich weigern, unfair produzierte Mode zu kaufen, müssen die großen Modefirmen handeln.

Durch Carry Sommers Engagement werden immer mehr Menschen auf die Missstände in der Textilproduktion aufmerksam. Und immer mehr Menschen wollen helfen, dieses Bewusstsein zu verbreiten. In den letzten zweieinhalb Jahren haben sich in 68 Ländern der Welt Komitees gebildet, die am FashRevDay Demonstrationen, Flashmobs und Workshops organisieren sowie eine Kampagne im Netz leiten. Und Tausende folgen ihnen!

So zum Beispiel die politische Organisation INKOTA-Netzwerk, die sich gegen Armut und Hungerleiden einsetzt. Am 23.April.2014 initiierten sie einen Flashmob in Berlin, bei dem sich Personen auf den Boden vor einem Einkaufszentrum legten und die Opfer des Rana Plaza nachstellten. Damit wollten sie eine angemessene Entschädigungszahlungen durch die verantwortlichen Modeunternehmen für die Opfer des Fabrikzusammensturzes in Bangladesch fordern. Zudem wollten sie anderen Menschen davon berichten, die noch nicht von der Tragödie gehört hatten.

Eine andere Aktion startete die Düsseldorf Werbeagentur BBDO Germany am 19.April 2014 in Berlin. Unter dem Titel „WOULD YOU BUY IT?“ stellten sie einen Automaten, der T-Shirts für 2€ anbot, auf den bekannten Alexanderplatz in Berlin. Im Automaten befand sich ein Bildschirm, der ein Video abspielte, welches die Arbeitsbedingungen der Näher bei der Produktion des T-Shirts zeigt. Nachdem sie den Clip gesehen hatten, wurden die Menschen gefragt, ob sie das T-Shirt immer noch kaufen wollten. Die allermeisten brachen den Kaufvorgang schockiert ab. Eine einfache, aber effektive Aktion!

Als besonders hilfreich für die Verbreitung des Fashion Revolution Day erwiesen sich bisher auch die sozialen Medien. Viele Menschen teilen Fotos von ihren auf links gedrehten Kleidungsstücken auf Netzwerken wie Facebook, Instagram und Twitter unter den Hashtags #who made my clothes, #fashionrev, #insideout. Teilweise halten sie Schilder mit Aufschriften wie „Ich kaufe Secondhand!“ oder „Überdenkt euren Konsum!“ in der Hand. Damit machen sie immer mehr Menschen auf Probleme in der Textilindustrie aufmerksam, die von großen Modeunternehmen hier zu Lande vertuscht werden. Über die sozialen Medien kann man vor allem Jugendliche erreichen, die meist viel Mode konsumieren, aber nur gering über deren Produktion aufgeklärt sind.

Auch Mode-HändlerInnen, -Brands und -DesignerInnen nehmen am FashRevDay teil, indem sie ihre Ladenflächen, Schaufenster und Ausstellungsräume als Informations- und Diskussionsraum über die Moderevolution bereitstellen. So auch die Düsseldorfer Läden Yavana in Bilk, Fräulein Bredow in Derendorf, Kleiderswerth in Kaiserswerth, Wunderwerk, PLUP - Planet Upcycling und Suburbia Store in Flingern, welche 2014 Fotoshootings mit professionellen Fotografen anboten, bei denen sich ihre Store-Besucher mit ihren umgekehrten Oberteilen ablichten lassen konnten.

Nicht zu vergessen, ist aber auch das Engagement der Menschen in den produzierenden Ländern selbst. Unterstützer des FashRevDay, wie Anna Holl, reisen dorthin, um Näher an der Bewegung teilhaben zu lassen. Sie zeigen ihnen, dass man sich für sie und ihre kritische Lage interessiert. Zu gleicher Zeit tragen sie Bildmaterial von dir zurück in ihre westlichen Heimat, um es mit unwissenden Konsumenten zu teilen, um aufzuklären und zu zeigen, wie Arbeiter in der Textilproduktion leben und arbeiten.

Arifa Sultana Anni möchte trotz ihrer tragischen Erfahrungen ein Teil der Fashion Revolution bleiben. Sie lässt sich nicht unterkriegen. „Für Bangladesch ist die Textilindustrie sehr wichtig und mit dieser Industrie können wir die Lage unseres Landes verbessern. Dafür brauchen wir die Hilfe der ausländischen Leute, die unsere Kleidung kaufen. Ich verspreche im Gegenzug, die Kleidung so gut wie möglich zu machen.“

Möchtest du Arifa und ihren Kollegen helfen? Dann beteilige dich an der #FashRev und trage zur Verbesserung unserer Textilen Kette bei.

Vielleicht stehst du beim Fashion Revolution Day 2016 in der Fußgängerzone deiner Stadt und klärst Menschen auf. Oder du probierst Alternativen zum Konsum bei großen Modeketten aus: Tausche, teile, leihe und verkaufe Kleidung, besuche Second Hand-Läden oder das Swap-Event der Akademie Mode & Design in Düsseldorf. Egal, was du machst: Teile es und hilf’ die Fashion Revolution Community zu vergrößern! Hilf’ den Textilarbeitern in fernen Ländern! Und hilf’ dir selbst!