Tagtäglich verschwinden ganze Wälder von der Bildfläche. Wo früher Tiere ihr Zuhause hatten, sind heute nur noch kilometerbreite Felder. Kein lokales, sondern ein globales Phänomen.

„Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins… Ich komme!“ Langsam schleicht er sich durch die Bäume in meine Richtung. Ich kann nur abwarten, versuche leise zu atmen. „Buuuuh! Hab ich dich!“ Kilian fasst mich an der rechten Schulter. Ich zucke zusammen. Trete aus meinem Versteck. „Jetzt bin ich dran! Zehn, neun, acht, sieben…“

Heute: Früher haben wir Kinder im Wald verstecken gespielt. Wir haben uns Höhlen gebaut, mussten gefährlich Schlachten bestreiten und haben uns die schönsten Dinge ausgemalt. Der Wald war unsere eigene kleine Welt. Heute, über zehn Jahre später, ist da kein Wald mehr. Am Fluss ist nur noch karge Wiese. Keine grünen Ahornbäume mehr, keine riesigen Eichen, keine uralten Kastanien. Der Weg durch den Wald führte zu den schönsten Plätzen der Gegend. Jetzt gibt es keinen Wald mehr.

Ich frage mich, warum? In Nordrhein-Westfalen wird 27% der Fläche von Wald bewuchert. Doch dieser Anteil wird weniger werden. Der Hambacher Forst, 40 Minuten von Köln entfernt, soll bis 2040 fast komplett gerodet werden, dem Braunkohleabbau sei Dank. So ging es schon einigen Waldgebieten im Gebiet des Braunkohleabbaus. Doch nicht nur deswegen müssen die Bäume weichen. Auch für Bauten neuer Bürogebäude, Gewerbe- oder Neubaugebiete werden ganze Waldstücke dem Boden gleich gemacht. Das praktische dabei: Man erhält nicht nur neue nutzbare Fläche, sondern auch Material zur Produktion: Holz.

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Dies ist nur einer von vielen, unzähligen Baumstumpfen

Holz, das

Wortart: Substantiv, Neutrum. 

Feste, Harte Substanz des Stammes, der Äste und Zweige von Bäumen und Sträuchern (die als Baustoff, Brennmaterial usw. verwendet wird), Duden 2015.

Holz wird nicht nur im Baugewerbe genutzt, auch zur Produktion von Möbeln, Papier, Spielzeug oder Fasern. Wir Menschen roden den Wald also bewusst, um ihn für unsere Zwecke zu nutzen. Eine natürliche, nachwachsende Ressource. Wir können selbst bestimmen, wo, was für einen, wie und für wie lange wir einen Baum pflanzen. Von 2002 bis 2012 wurden in Deutschland durchschnittlich 76 Million mRohholz pro Jahr genutzt. Darum verschwinden so viele Wälder von Jahr zu Jahr.

 

Ressource, die

Wortart: Substantiv, feminin.

Natürlich vorhandener Bestand von etwas, was für einen bestimmten Zweck, besonders zur Ernährung der Menschen und zur wirtschaftlichen Produktion, [ständig] benötigt wird, Duden 2015.

 

Ressourcen braucht die Welt. Sie werden unterschieden in nachwachsende, wie Holz, Baumwolle, Zucker oder Pflanzenöle. Dagegen stehen die endlichen Ressourcen, diejenigen, die irgendwann aufgebraucht sein werden. Dazu zählen Erdöl- und gas und Braun- oder Steinkohle.Wir brauchen diese Ressourcen. Hätten wir sie nicht für uns entdeckt, gäbe es heute weder Benzin, noch Brennstoffe, noch Heizungen.Doch endliche Ressourcen werden uns irgendwann ausgehen, wogegen wir die unendlichen, Holz zum Beispiel, aufbrauchen können, bis wir selbst aussterben.

Aber wann wird dies sein? Werden wir bis dahin nicht alle natürlichen Wälder zerstört haben und nur noch auf Bäume blicken, die wohlmöglich im Labor zur Perfektion gezüchtet wurden, von Maschinen gepflanzt und gepflegt? Was passiert mit dem Wald vor meiner Türe? Er wird gerodet wie Millionen anderer Bäume weltweit. Verwendet in der Industrie. Vielleicht werde ich in einigen Jahren auf einem Parkettboden laufen, aus Bäumen an denen ich als Kind empor kletterte. Wie lange wird die Natur das mitmachen? Diese Mentalität der Menschheit: „Nehmen ohne zu geben“.

 

Waldfläche, die

Wortart: Substantiv, feminin

von Wald eingenommene Landfläche, Duden 2015.

 

Deutschland ist eines der waldreichsten Länder der Europäischen Union. Knapp ein Drittel der Gesamtfläche ist mit Wald bedeckt. Auf 11, 4 Millionen Hektar wachsen über 90 Milliarden Bäume. Der Nadelwald überwiegt dabei knapp die Laubbäume. Doch die Artenvielfalt ist riesig, von Buche, Eiche oder Birke über Ahorn, Esche oder Linde zu Kiefer, Lärche oder Tanne. Deutschland hat einiges zu bieten. Um Wissen über den Zustand des Waldes zu gewinnen, wird alle zehn Jahre eine Bauminventur anhand von repräsentativen Flächen durchgeführt. Deutsche Wälder leisten einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz, daher ist ihre Rodung besonders gefährdend. Durch 337 Kubikmeter Holz pro Hektar gehören die Wälder zu den vorratsreichsten in Europa und können enorme Mengen von Kohlenstoff binden. Die Entlastung der Atmosphäre ist dadurch riesig und Deutschland ein wichtiger Standort zur Verminderung von Treibhausgasen.

Doch man muss sagen, nicht nur wir Menschen sind für die Rodung der Wälder verantwortlich. Jährlich werden Hektar von Bäumen von Stürmen, Wasserfluten oder Waldbränden zerstört. Zuletzt in Deutschland im heroischen Ausmaße 2007 durch den Orkan Kyrill. Er sorgte für 30.500 Hektar umgeworfene Bäume, natürlich gefällte Bäume.

Im Juni 2014 schlug das Tief Ela zu. Erneut wurden etliche Bäume umgeworfen, ganze Alleen gerodet und Waldflächen verkleinert. Städte wurden für einige Tage lahm gelegt, Bahnschienen waren blockiert, Straßen nicht befahrbar. Alles dank eines Sturms, der nur einer von vielen bleiben wird. In den nächsten Jahrzehnten werden diese immer mehr und mehr zunehmen, der Klimawandel ist Schuld.

Klimawandel, der

Wortart: Substantiv, maskulin

Wandel des Klimas, Duden 2015.

 

Der Klimawandel hat in den letzten Jahren immer mehr Auswirkungen gezeigt: Mildere Winter, heißere Sommer. Dem Wald setzt der Wandel ebenfalls zu. Neben den Stürmen und Orkanen, haben auch starke Regenfälle, Hagel und Dürreperioden Einfluss. Doch auch bestimmte Baumarten fallen dem Klimaumschwung zum Opfer. Sie sind an feucht-kühles Standortbedingungen gewöhnt, verlieren an Vitalität und werden zudem anfälliger für Stressoren.

Kahlschlag, der

Wortart: Substantiv, maskulin

das Schlagen, Fällen sämtlicher Bäume auf einer bestimmten Fläche, Duden 2015.

 

Der Wald spielt weltweit eine enorm wichtige Rolle. 31 Prozent, vier Milliarden Hektar, der Erdfläche sind mit Wald bedeckt. Dabei nimmt Russland Platz Eins der Länder mit dem größten Waldanteil an, dicht gefolgt von Brasilien, Kanada, USA und China. Der Nettoverlust (die neuangepflanzten Waldstücke werden gegengerechnet) betrug vom Jahr 2000 bis heute 52 Millionen Hektar. Die Baumarten sind jedoch sehr unterschiedlich, Nadelhölzer, Laubbäume oder Tropenwald. Besonders die Abholzung des Tropenwaldes wurde in den letzten Jahren deutlich. Heute gibt es noch circa 1,8 Milliarden Hektar Tropenwald. Doch in Brasilien, das Land mit dem meisten Tropenwald weltweit, werden jährlich über 2, 5 Millionen Hektar Wald gerodet. Ob die Wiederaufforstung in anderen Ländern diesen Verlust ausgleichen kann ist, fraglich.

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So sieht ein schöner, gesunder, nicht gerodeter Wald aus. Inzwischen ein seltener Anblick.

Mir wird klar, der Wald unten am Fluss wurde Opfer des Sturms Ela. Erst danach verschwanden dort die Bäume. Sie waren umgekippt und mussten verschwinden, sonst wären sie verfault, mit der Zeit natürlich zersetzt. Also wurden sie weggeschafft, endgültig gefällt und fanden ein neues Leben in der Industrie.

Doch nicht jeder Wald wird von einem Sturm zerstört. Denn oft wird bewusst gefällt. Weil man die Ressource Holz eben braucht. Holz ist die älteste genutzte Ressource der Welt. Sie wurde schon vor über zwei Millionen Jahren in der Steinzeit für das Feuer gebraucht. Und wenn wir Glück haben, werden unsere Nachfahren Holz wohl auch noch in tausenden Jahren trotz allem technischem Fortschritt brauchen.

Es ist also vielleicht gar nicht schlimm, dass der Wald vor meiner Tür nach und nach verschwindet, doch ich frage mich dennoch, wieso grade hier. Und wo wird dafür neuer Wald gepflanzt?

Und dann sitze ich hier am Schreibtisch. Schaue aus dem Fenster, hoffe, dass sich irgendwann in der Zukunft meine Kinder ihre kleine Welt in den Wäldern vor ihrem Haus schaffen können. Im Hintergrund höre ich eine Kettensäge. „Baum fällt!“

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