Biogemüse frisch vom Bauern um die Ecke, nachhaltige Mode aus der öko-fairen Boutique nebenan und veganen Döner von der umweltbewussten Imbissbude in der Innenstadt. So sieht nachhaltiges Leben aus. Doch ist das wirklich immer so einfach? 

Die Angebote sind vielfältig: Es gibt etliche Alternativen zum herkömmlichen Konsum. Doch nicht alle Menschen ziehen hier an einem Strang. Während sich die eine Hälfte kompromissbereit für Nachhaltigkeit einsetzt, runzelt die andere bei diesem Thema nur misstrauisch die Stirn. Einige Menschen wollen zwar mitwirken und ihr Konsumverhalten verbessern, sehen jedoch das Hauptproblem in der Umsetzung. Andere wiederum bezweifeln, dass das ganze überhaupt etwas bringt. Besonders im Alltag fällt es schwer, sich an seine neu gesetzten Regeln zu halten. So ziehen sich viele ganz schnell aus der Affäre: ,,Nachhaltigkeit schön und gut, aber das kann ich im Alltag doch gar nicht umsetzen!’’ Das dies nur eine plumpe Ausrede ist, wollen die meisten Menschen nicht wahr haben. Doch was können wir genau tun? Wo starten wir? All diese Fragen schwirren uns im Kopf herum und halten uns davon ab, einfach anzufangen. Anzufangen, ganz alltägliche Entscheidungen einmal bewusster zu überdenken. Nachhaltigkeit fängt bei den kleinen Fragen des Lebens an. Nehme ich heute lieber das Auto oder das Fahrrad? Kaufe ich mir 10 neue Oberteile bei H&M oder lieber eins bei meiner neuen Lieblingsdesignerin aus dem Ort? Sollte ich heute Abend lieber duschen und auf mein wärmendes Duftbad verzichten?

All diese Entscheidungen mögen sehr unbedeutend erscheinen, doch wie man so schön sagt ,,Kleinvieh macht auch Mist’’. Also fangen wir genau hier an. Einige Anregungen und Tipps und Tricks, wie man im Alltag wirklich langfristig sinnvoll handelt, finden wir sogar im Internet. Mit ihren ,,10 Öko-Tipps für mehr Nachhaltigkeit im Alltag’’, bietet uns zum Beispiel die Seite ,,Nachhaltigleben’’ schon einige Möglichkeiten. Auch hier geht es unter anderem um unser Essverhalten. Viel zu viele Speisen und Getränke werden weggeworfen, obwohl sie noch verzehrbar sind. Grund dafür, ist meist das Mindesthaltbarkeitsdatum. Sobald dieses abgelaufen ist, wird das Essen entsorgt. Doch in den meisten Fällen, können die Produkte noch ohne Bedenken gegessen werde. Gewissheit schafft der Geschmacks- und Geruchstest. Laut einer Studie der Uni Basel landet ein drittel aller Lebensmittel im Müll. Vermieden werden kann dies ganz einfach. Kleinere Mengen einkaufen, nicht zu große Portionen kochen und die Produkte richtig lagern. Alles kein großer Aufwand, dennoch effektiv.

Beim Einkauf unseren Produkte sollten wir auch unsere Einkaufsstättenwahl einmal überdenken. Statt drei mal in der Woche den Lieblingsdiscounter um die Ecke aufzusuchen und den Wagen randvoll zu machen, lieber auf Fairtrade- und Bio-Produkte umsteigen. Dabei ist darauf zu achten, dass die Produkte unter sozial- und umweltschonenden Bedingungen hergestellt wurden. Wer beim Bauern aus der eigenen Stadt kauft, trägt dazu bei, dass unnötige Transportwege verhindert werden. In Folge wird der Kohlendioxid-Ausstoß kleingehalten. Doch nicht nur Lebensmittel konsumieren wir tagtäglich. Auch Bekleidung spielt eine wichtige Rolle in unserem Leben. Wollen wir uns modisch kleiden und immer up-to-date sein was die neusten Trends angeht, hängt kein Kleidungsstück länger als eine Saison in unseren Schränken. Immer mehr Nachwuchsdesigner, sind genau deswegen auf der Suche nach neuen Alternativen. Ein gutes Beispiel liefert die Düsseldorfer Designerin Annekathrin Metzler, die mit ihrem Label PLUP - Planet Upcycling zeigt, wie man es besser machen kann. Kunden bringen ihre alten Kleidungsstücke in den Laden und gemeinsam mit der Designerin kann der Kunde individuelle Hingucker gestalten. So wird aus dem alten karierten Hemd von Opa ein neues Minikleid in Schottenlook für das Enkelkind. Wenn Recyceln zu umständlich ist, wird eben upgecycelt. Das ist nicht nur nachhaltig, sondern macht auch noch jede menge Spaß.

Nun wissen wir, dass man durch kleine Schritte schon viel bewirken kann, doch was kann uns noch überzeugen, dass Nachhaltigkeit wirklich umsetzbar ist und auch heute schon umgesetzt wird? Ganz einfach: Die Zahlen beweisen es. Sobald wir als Konsumenten und Kunden unser Verhalten ändern, müssen sich auch die Anbieter umstellen. Es entsteht eine Spirale in der der Kunde immer mehr Einfluss gewinnt. Ein Beispiel für den einen Wandel in der Unternehmenswelt ist die Marke Tchibo. In ihrem Nachhaltigkeitsbericht aus dem Jahr 2014 zeigt die Kette, dass sie ihre Unternehmensstrategie erfolgreich umsetzt. Sie hat es geschafft, den Anteil der Bio-Baumwolle in ihrem Sortiment von 20% (2011) auf 80% (2014) hochzuschrauben. Damit ist das Unternehmen mittlerweile der drittgrößte Anbieter von Textilien aus Bio-Baumwolle weltweit. In ihrem Einkaufsprozess setzen sie auf langfristige Lieferantenbeziehungen. So waren es im Jahre 2010, 930 und im Jahre 2014 nur noch 780 Lieferanten. Außerdem verwenden sie bei ihrem Angebot von Wasser- und Schmutz abweisender Kleidung, ausschließlich das umweltfreundliche ecorepel®, 98% ihre Leder­pro­dukte sind chromfrei gegerbt und auf Echtpelz wird seit neun Jahren verzichtet. Doch auch im größeren Rahmen gibt es Veränderungen zu vermerken. Im Fortschrittsbericht 2008 zur nationalen Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung zeigen sich positive Entwicklungen. Der Ausstoß von Treibhausgasen ist von 1990 bis 2007, 20,4% gesunken. Der Anteil erneuerbarer Energien ist im gleichen Zeitraum von 1,3% auf 6,7% angestiegen. Solange wir also an einer effektiven Umsetzung arbeiten, tun dies auch die Firmen. Die Spirale dreht sich weiter und weiter.

Doch all das kann nur funktionieren, wenn immer mehr Menschen mit voller Überzeugung hinter ihrer neu entdeckten Lebensweise stehen und wirklich etwas ändern wollen. Was kann man tun, um noch mehr Menschen auf die Seite des bewussten Denkens zu ziehen? Was gibt wirklich die allerletzte Motivation? Ganz klar, der Mehrwert für sich selbst. Denn bei vielen ,,fairen Lebensweisen’’, schonen wir nicht nur unsere Umwelt, sondern tun auch uns etwas Gutes. Wenn wir unseren Energieverbrauch reduzieren und im Winter stoßlüften, statt die ungenutzte Heizwärme aus dem ständig offen stehenden Fenster entweichen zu lassen, schont das enorm die Umwelt. Doch auch wir haben etwas davon. Wir sparen Geld. Ähnlich bei Elektrogeräten, welche im Standby- oder Sleepmodus laufen. Sie ziehen unbemerkt Strom und treiben die Rechnung am Monatsende in die Höhe. Vermieden werden, kann dieses Problem ganz leicht durch abschaltbare Steckerleisten. Auch bei der Frage wie wir von A nach B kommen, lässt sich ein Vorteil für uns herausschlagen. Entscheiden wir uns öfter dafür, mit dem Fahrrad zu fahren oder zu Fuß zu gehen, so verzichten wir nicht nur auf unnötigen Abgasausstoß, sondern bringen ebenso unseren Kreislauf in Schwung und sind sportlich aktiv. Das kann sich auch auf unsere Lebenserwartung nur nachhaltig auswirken. Ebenso wie unsere Ernährung. Der WWF Schweiz empfiehlt, nicht mehr als drei mal pro Woche Fleisch zu essen. Denn das tote Tier durchläuft in der Verarbeitung einen energieintensiven Prozess. Auch für uns ist zu viel Fleisch nicht die beste Wahl. Bei übermäßigem Verzehr kann es träge und krank machen, ebenso das Krebsrisiko wird erhöht. Somit schlagen wir auch hier wieder zwei Fliegen mit einer Klappe und können uns mit ruhigem Gewissen mehr Gemüse auf den Teller schaufeln. Wenn bei nachhaltigem Leben auch noch so viel Gutes für uns dabei herausspringt, wer kann da schon noch nein sagen?

Viele. Die andere Seite hat trotz allem noch immer keinen richtigen Zugang zu diesem mittlerweile weltweit wichtigen Thema gefunden. Zu groß ist für sie das Argument, dass sie keine der Maßnahmen in ihren Alltag mit einfließen lassen können, ohne eingeschränkt zu sein. Einer der Hauptpunkte: der Zeitfaktor. Unsere Tage sind meistens von morgens bis abends durchgeplant. Nicht selten erledigen wir dabei die ein oder andere Sache nur halbherzig, um sie so schnell wie möglich aus dem Kopf zu haben. Unser Kredo für alltägliche Aufgaben: möglichst schnell soll alles gehen. Schnell mal eben zum Discounter, abgepacktes Schweineschnitzel und Tiefkühlpommes fliegen in den Einkaufswagen. Noch kein Kleid für die Weihnachtsfeiern in zwei Tagen? Kein Problem, Primark steht mit einem riesigen Angebot bereit. Abends wieder keine Zeit gehabt vegan zu kochen? Macht nichts, dass fünfte mal Fleisch in dieser Woche wird schon nicht schaden. Bei all dem Stress morgens noch vergessen die Heizung runter zu drehen und alle Fenster zu schließen, naja die paar Euros machen den Braten nun auch nicht fett. All das sind spontane Entscheidungen und Dinge die uns jeden Tag begegnen. Wir haben die Wahl Dinge anders zu machen und uns bewusster zu verhalten, doch dies kostet Zeit. Der nächste Bio-Supermarkt ist eine halbe Stunde entfernt, der nachhaltige Modeladen hat nicht die nötig Auswahl und sich wirklich perfekt zu ernähren, ist viel zu kompliziert. In einer schnelllebigen Generation mit Fast-Food, Fast-Fashion und ständig herrschendem Zeitdruck, scheint es schon fast absurd, sich um ein so tiefgründiges Thema kümmern zu können.

Doch nicht nur der Zeitaspekt ist ein rotes Tuch bei vielen Menschen. Der zweite Störfaktor: der Preis. Die Preise in einem Bioladen sind meist doppelt so hoch wie bei Lidl und Co. Meist verlässt man den Laden mit geschocktem Blick auf den Einkaufszettel und beschließt, so schnell nicht wieder zu kommen. Wenn dann nur in Ausnahmefällen, wenn man wirklich was braucht. Doch was braucht man schon wirklich aus einem Bio-Laden? Auch bei der Mode ist es ähnlich, denn wer auf nachhaltig produzierte Kleidung setzt, welche unter fairen und umweltschonenden Umständen gehandelt wird, der muss ein ganzes Stück tiefer in die Tasche greifen. Laut Greenpeace Hamburg bewegt sich der Preisrahmen einer ökologisch hergestellten Jeans zwischen 70 und 120 Euro. Da ist eine H&M Jeans, welche man ab einem Preis von 29,99 Euro ergattern kann, wesentlich freundlicher zum Portmonee. Auch bei Nahrungsmitteln steigt der Preis in die Höhe. So bezahlt man beim Alnatura Markt 13,90 Euro pro 1kg Schoko-Nussaufstrich, welcher unter strengen Qualitätsgrundsätzen entwickelt wird. Bei dem Markenprodukt Nutella hingegen, sind es nur 5,89 Euro pro Kilogramm. Die meisten greifen aus Gewohnheit zu alt bekannten Produkten, die sich auch in der Vergangenheit für sie bewehrt haben. Verständlich.

Doch gerade bei diesem schwierigen Thema müssen wir lernen Kompromisse einzugehen. Oftmals tut man dies auch gerne. Doch nicht ohne Antriebskraft. Die Motivation steigt, mit der Sicherheit etwas erreichen zu können. Doch was gibt uns diese Sicherheit. Die Welt berichtete 2014, dass sich in Deutschland gerade mal jeder fünfte Konsument ernsthaft über die Auswirkungen der Nutzung und Herstellung von Produkten informiert. Der Grund für das mangelndes Interesse: Unwissenheit. Die Menschen sind unaufgeklärt. Unaufgeklärt darüber, was Nachhaltigkeit wirklich ist, was man mit einer bewussteren Lebenseinstellung alles bewirken kann und welche bösen Folgen auf uns lauern, wenn wir so weiter machen wie bisher. Bei einer Forsa Umfrage aus dem Jahr 2012, konnten 36% der Befragten nicht sagen, was sie mit dem Begriff ,,Nachhaltigkeit’’ verbinden. Diese Zahl ist erschreckend hoch, wenn man bedenkt, dass jeder von uns von diesem Thema betroffen ist und sich seiner Verantwortung nicht entziehen kann. Doch wie soll man sich in dem Dschungel von neuen Produkten und Maßnahmen zurechtfinden? Wer gibt uns die Sicherheit, die wir brauchen? Eine Umfrage auf statista.de beweist, das sich die Konsumenten mehr Transparenz wünschen. Für 49% der Befragten sind die Informationen, die sie zu diesem Thema bekommen oft unverständlich und widersprüchlich. Ganze 82% sind der Meinung, dass die einheitliche Kennzeichnung von nachhaltigen Produkte eine erhebliche Erleichterung darstellen würde. Auch Qualitäts- und Gütesiegel werden skeptisch beäugt. 63% vertrauen Nachhaltigkeitssiegeln nur dann, wenn sie staatlich anerkannt sind.

Die Menschen bleiben vorsichtig. Doch wo sind die Grenzen? Statt ernsthafter Auseinandersetzung, finden wir in der Realität meist nur vornehme Zurückhaltung. Ob aus Angst etwas falsch zu machen, oder gar aus reiner Bequemlichkeit. Bei diesem Thema spalten sich die Geister. Doch bei einem so sensiblen und wichtigen Thema gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren und an den richtigen Ecken anzusetzen. Ganz egal ob spießiger Umweltschützer, nerdiger Computerfreak oder Fast-Food Junkie, jeder beginnt an der gleichen Stelle. Bei sich selbst.