Angeregt diskutierende Studenten kommen uns entgegen. Sie verlassen den Raum, in dem Elke Vohrmann gerade einen Vortrag als Unternehmensberaterin für nachhaltiges Wirtschaften gehalten hat. Corporate Social Responsibility und Nachhaltigkeitskommunikation in der Modebranche ist das Thema des Tages. Was ist das genau und wie kommt man dazu?

 Wie sind Sie auf ihr Geschäftskonzept Nachhaltigkeitsberatung gekommen?

Tatsächlich durch einen Zeitungsartikel. Vor etwa 15 Jahren hatte ich in einer Wirtschafts-Fachzeitung davon gelesen, dass es für Unternehmen sehr ökonomisch sein sollte, im Einklang mit Mensch und Natur zu arbeiten. Das dort genannte Wirtschaftskonzept „Corporate Social Responsbility“ kannte ich noch nicht. In meinem Wirtschaftsstudium wurde nur Gewinnmaximierung gepredigt. Der Artikel hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht und ich fragte mich: Warum sorgt die Wirtschaft denn dafür, dass die Ungleichgewichte in der Welt immer schlimmer werden?

Diese Entwicklung wollte ich ändern. Deshalb habe ich es mir zu meiner Berufung gemacht, dazu beizutragen, Ökonomie mit Mensch und Natur in Balance zu bringen.

2009 haben Sie sich selbstständig gemacht. An wen richtet sich ihr Konzept?

An Mittelstandsunternehmen und Existenzgründer. Meine bisherigen Kunden kamen aus der Logistik-, Dienstleistungs-, Ernährungs- und Umwelt-Branche. Aus der Bekleidungsbranche berate ich das Unternehmen wunderwerk aus Düsseldorf. Sie produzieren nachhaltige Mode, mit tollem Design und zu fairen Preisen.

Welche Modeunternehmen haben eine ähnliche Unternehmensphilosophie wie wunderwerk?

Hessnatur ist in der Umsetzung von CSR seit langem unterwegs und gilt als Vorzeigeunternehmen der Modebranche. Im Gegensatz zu den meisten anderen, die CSR gar nicht in ihr Firmenkonzept mit einbinden.

Für was steht CSR?

CSR bedeutet „Corporate Social Responsibility“ und steht für verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln im Kerngeschäft eines Unternehmens. Das heißt ein Unternehmen mit all seinen Mitarbeitern beachtet bei jeder Handlung seine sozialen und ökologischen Folgewirkungen für alle Interessengruppen, mit denen es in Berührung kommt. Vom Rohstoffanbau beginnend über die einzelnen Verarbeitungsstufen bis hin zur Entsorgung des Produktes.

Welche Unternehmen der Modebranche hätten es nötig, mehr auf CSR zu achten und warum?

Da fällt mir als erstes Primark ein. Aber es sind fast alle Modeunternehmen. Ich schätze über 90 Prozent müssten umdenken. Wollten sie CSR gerecht handeln, müssten sie ihre komplette Geschäftsidee umkrempeln. Dafür ist ein anderes Bewusstsein der Geschäftsleitung nötig. Die Geschäftsführung müsste von nachhaltig denkenden Menschen übernommen werden.

Wir würden annehmen, ein Unternehmen mit CSR macht Verluste. Wie ist es möglich, dass umwelt- und sozialverträglich wirtschaftende Unternehmen ihren Gewinn steigern können?

Das Vorurteil, mit CSR ließe sich kein Geld verdienen, ist noch häufig anzutreffen. Richtig ist: Auch Unternehmen mit einer CSR Strategie müssen nach Profit streben, jedoch nicht nach dem maximalen Gewinn. Daher können unter Umständen ihre Gewinnmargen geringer sein als bei den gewinnmaximierenden Unternehmen. Dafür schaffen Unternehmen mit CSR sozialen und ökologischen Mehrwert an anderer Stelle und können so zudem Kosten sparen. Bei CSR wird der Gewinnbegriff also erweitert: Neben dem Finanzgewinn kommt der soziale und der ökologische Gewinn hinzu.

An welcher Stelle zum Beispiel?

Wenn die Mitarbeiterzufriedenheit hoch ist, fehlen die Arbeitskräfte seltener, sie sind bei der Arbeit motivierter und die Fluktuationsrate sinkt. Also sollte es ein langfristiges Ziel des Vorgesetzten sein, die Mitarbeiterzufriedenheit zu steigern, um auf lange Sicht besser zu wirtschaften und sozialen Gewinn zu schaffen.

Das ist ein wichtiger Aspekt von Nachhaltigkeit. Welche weiteren Ziele empfehlen Sie den Unternehmen, die Sie beraten?

Die Unternehmen setzen sich immer langfristige strategische Ziele, und zwar in den drei Dimensionen Ökonomie, Ökologie und Soziales. Daraus abgeleitet werden kurzfristig umsetzbare operative Ziele, zu denen die passenden Maßnahmen gefunden werden müssen. Das könnte in der Umweltdimension zum Beispiel die Verringerung von Abfall durch recycelbare Verpackungen sein. Oder in der sozialen Dimension die Steigerung der Kundenzufriedenheit und der Mitarbeitermotivation. Wichtig ist, dass die Unternehmen sich realistische Ziele setzen.

Ich bin dafür zuständig, die Grundprinzipien von CSR zu vermitteln, die Unternehmen mit einer passgenau ausgearbeiteten CSR-Strategie auf ihrem Weg zu begleiten, die Fortschritte in Berichten festzuhalten und messbar zu machen.

Inwiefern verhalten Sie sich in Ihrem Leben nachhaltig?

Ich versuche mich in jedem Lebensbereich bestmöglich fair gegenüber Mensch und Umwelt zu verhalten. Das fängt an bei der Kleidung an, die ich trage, über die Lebensmittel, die ich kaufe, bis hin zu den Verkehrsmitteln, die ich wähle.

Welche Marken und Materialien tragen Sie heute? 

Sie schaut an sich runter und lächelt zufrieden.

Heute bin ich im Wesentlichen nachhaltig gekleidet. Mein Kleid und die Jacke darüber sind von Hessnatur, stammen also aus sozial- und umweltverträglicher Herstellung, und bestehen aus organischer Baumwolle... die sich durch ihre Verarbeitung besonders weich anfühlt. Kürzlich habe ich mir bei wunderwerk eine schöne Bluse aus dem umweltverträglichen Material Tencel gekauft. Ich schwenke jetzt auf nachhaltige Mode um. Aber noch habe ich Kleidung von konventionellen Marken in meinem Kleiderschrank. Diese werfe ich jedoch nicht weg, sondern trage sie auf, weil das Wegwerfen kein nachhaltiges Verhalten wäre.

Ihre berufliche Überzeugung ist also auch ihre private.

Nickt heftig.

 Ja, es ist mir wichtig dazu beizutragen, dass zwischen Ökonomie, Mensch und Umwelt ein Gleichgewicht herrscht. Ich fühle mich in meinem Leben als Botschafterin für eine neue Wirtschaft und lebe meine Überzeugung Tag für Tag. Wenn andere Menschen darauf reagieren und ihre Einstellung verändern, fühle ich mich bestätigt etwas Sinnvolles zu tun.

Gibt es andere Unternehmensberater, die denselben Visionen und Überzeugungen folgen wie Sie?

Sehr viele sogar! CSR wird immer bekannter und immer mehr Unternehmensberater beschäftigen sich damit. Es gibt diverse CSR-Netzwerke, in denen wir uns austauschen können.

Wie stellen Sie sich das Gefüge zwischen den drei Dimensionen Ökonomie, Ökologie und Soziales im optimalen Fall in zwanzig Jahren vor? Was wollen Sie beruflich bis dahin erreicht haben?

Optimal wäre es wenn „Corporate Social Responsibility“ der selbstverständliche Standard für alle Unternehmen der Welt wird. Wenn Ökonomie in Balance mit Mensch und Natur funktioniert. Ich will hunderte mittelständige Unternehmen auf den Weg zum Nachhaltigen Wirtschaften bringen. Sie sollen von sich sagen: „Unser Unternehmen wächst und gedeiht, wir haben ein gelungenes Geschäftsmodell, glückliche Mitarbeiter und sind achtsam im Umgang mit der Natur. Wir leben unsere Werte.“ Und wenn ich mir schon etwas wünschen darf: Ich möchte als Buchautorin und Expertin für nachhaltiges Wirtschaften weltweit bekannt sein.

 

Zufrieden lehnt Elke Vohrmann sich zurück. Wir plaudern noch ein bisschen und die positive Stimmung des Interviews hält an.

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