Immer wieder sticht die Nadel zu, dringt tief unter die Haut ein. Die Maschine surrt, als sich der Mann erneut über Viktorias Wade beugt. Stück für Stück ergibt sich ein Bild auf ihrer Haut. jetzt wischt er endlich die überschüssige Tinte weg. Ein Schwein kommt zum Vorschein, darüber steht Equality. Gleichheit. Viktoria ist Veganerin. Und dies ist ihr erstes verganes Tattoo.

Etwa zehn Prozent der europäischen Bevölkerung ist tätowiert. Wir werden immer bunter. Ob als Ausdruck der Persönlichkeit oder als Kunstform, Tattoos sind aus unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr weg zu denken. Aber können sie auch nachhaltig sein?

Tierknochen in Tattoofarbe

Tätowierfarben sind eine Mischung aus verschiedenen Stoffen wie Eisenoxid, Farbpigmenten, Kohlenstoff, Wasser und Alkohol. Außerdem können sie Inhaltsstoffe tierischen Ursprungs enthalten, so wie das Drüsensekret von Meeresschnecken oder Knochenkohle, die aus entfetteten Tierknochen gewonnen wird. Die Nachfrage nach veganen Tätowierungen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. „80% meiner Kunden sind mittlerweile Veganer“, berichtet der ebenfalls vegan lebende und arbeitende Tattookünstler Nico Kreuzig. Er hat sich vor einigen Jahren mit dem veganen Tattoostudio „Herr Fuchs und Frau Bär“ in Berlin selbstständig gemacht und erlebt täglich, wie groß die Nachfrage nach nachhaltigen Tätowierungen ist. Daher haben sich Firmen wie Classic Colour Systems oder Electric Ink auf den Trend eingestellt und bieten vegane Tattootinten an.

Die Qualität der veganen im Vergleich zu herkömmlicher Tätowierfarbe bleibt unverändert. Welche Inhaltsstoffe nicht verwendet werden dürfen und wie die Farbe zu kennzeichnen ist, wird in der in Deutschland seit 2009 gültigen Tätowiermittel-Verordnung rechtlich festgelegt. Vorher gab es keinerlei Richtlinien oder Kontrollen. Für vegan Farbstoffe gelten jedoch die gleichen gesundheitlichen Risiken wie für sämtliche andere Tätowiermittel. Sie können eine Vielzahl von Nebenwirkungen haben. Neben Hautirritationen und Infektionen kann es auch zu schwerwiegenden Allergien kommen. Diese treten in Einzelfällen so stark auf, dass die tätowierte Hautpartien vollständig entfernt werden muss.

Die allergischen Reaktionen können von für die Herstellung der Farben zugelassenen Stoffen wie beispielsweise Nickel hervorgerufen werden. Verbotene und gesundheitsgefährdende Substanzen in Tätowiermittel können jedoch noch wesentlich schwerwiegendere Folgen haben. 2011 wurde in einer Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung drei schwarze Tattootinten getestet und als krebserregend eingestufte Kohlenwasserstoffe (PAK) darin nachgewiesen. Zudem wurden Autolacke und Konservierungsstoffe gefunden. Bereits 2003 musste drei Farben, die aus Japan, Frankreich und den USA stammten, vom Markt genommen werden, da auch sie die krebserregende Substanzen enthielten. 2013 testete Stiftung Warentest die schwarzen Tinten von zehn deutschen Herstellern. Acht davon wiesen bedenklich Inhaltsstoffe auf, darunter auch die der veganen Firma Eternal Ink.

Vegan oder nicht?
Vegan oder nicht?

Gift unter der Haut

Giftige Substanzen sind in Tätowierfarbe besonders gefährlich, da diese, anders als andere Kosmetika, unter die Haut und in besonders tief sitzende Hautschichten eingeführt werden. Der Physiker Wolfgang Bäumler hat die Auswirkungen von Tattoomitteln untersucht und entdeckte Verfärbungen an den Lymphknoten von Tätowierten. „Die Farben bleiben nicht an den Stellen, an denen sie eingestochen werden“. Möglicherweise würden sie sogar in den Blutkreislauf gelangen. Bäumler gibt zu Bedenken, es gebe kaum Wissen über die Wirkung und die langfristigen Folgen der Farben. Vegan heißt also nicht gleich unbedenklich.

Das Risiko gehen jedoch immer mehr Menschen ein. Und immer mehr Menschen wünschen sich ein nachhaltiges Tattoo. Die Frage kommt auf, ob eine Tätowierung wirklich vegan sein kann. Früher übten junge Tätowierer zuerst an Schweinehaut, bevor sie sich an ihre ersten Kunden wagten. Der Tattoo-Künstler Dennis Bernhardt ist selbst Veganer und froh, dass diese Lehrmethode heute veraltet ist: „In der Regel machen die meisten anstrebenden Tätowierer ihre ersten Gehversuche auf ihrer eigenen Haut oder der eines Freundes“. Bleiben noch die verwendeten Materialien. Bei gründlicher Recherche oder genauer Absprache mit dem Tätowierer ist schnell eine nachhaltige Farbe gefunden. „Viele Tattookünstler verwenden sogar vegane Tinte ohne es zu wissen“, so Bernhardt. Doch reicht die Wahl der passenden Farbe wirklich für ein veganes Tattoo aus?

Zu dem Vorgang des Tätowieren gehören gleich mehrere Schritte, in denen Produkte tierischen Ursprungs verwendet werden können. Bei den Rasierern und der Creme zur Nachbehandlung muss darauf geachtet werden, dass es sich um vegane Produkte handelt. Um die Haut auf das Stechen und die Reizung vorzubereiten, wird meistens Vaseline verwendet. Melkfett ist hier eine gute Alternative und erzielt die gleiche Wirkung. Schwierig wird es bei dem Matritzenpapier, durch welches die Schablone auf der Haut aufgebracht wird. Auch dieses weist eine dünne Schicht Vaseline auf. In veganen Tattoostudios wird ein dünneres und vaselinefreies Papier verwendet, in normalen Studios hingegen können Kunden nicht damit rechnen. Weniger problematisch ist die Suche nach dem richtigen Desinfektionsmittel, da dieses meist hauptsächlich aus Alkohol bestehen.

Jeder kann etwas beitragen

Für eine völlig vegane Tätowierung müssen also viele Faktoren beachtet werden. Zum Teil sind diese für den Verbraucher schwer nachzuvollziehen oder zu kontrollieren. Sicherheit bieten rein vegane Tattoostudios, wie beispielsweise „Herr Fuchs und Frau Bär“ in Berlin. Gründer Nico Kreuzig erfüllte sich damit einen langjährigen Traum. Als er sich selbstständig machte, empfand er es als verrückt in wie vielen Produkten tierische Bestandteile enthalten sind. „Die größte Herausforderung war das Klebeband, das wir zum vorbereiten der Station brauchen. Die enthalten fast alle Wollwachs“, berichtet er über die Suche nach den passenden Materialien. Heute ist sein gesamter Laden von der verwendeten Tätowierfarben bis hin zur Kunstledercouch vegan. Und beweist somit, dass Tattoos nachhaltig sein können. Für jedes von ihm gestochene Werk spendet er fünf Euro an Organisationen wie Tierheime. Kreuzig ist stolz auf sein Konzept: „So können wir einen Teil zum Tierschutz beitragen“.