Im Meer, am Baum, im Müll – wer Mode designt wird immer kreativer. Gestern ein Fahrradschlauch, heute ein stylisches Etui. Upcycling, ein Trend und ein Statement gegen die Wegwerfgesellschaft.

Acht Modepuppen, bekleidet mit Hemden, dicken und dünnen Jacken. Rechts daneben Kinderhosen- und Kleider. Auf ein paar Stühlen liegen einige Accessoires wie Taschen, Schmuck, Einrichtungsgegenstände und Schuhe. Klamotten in Grün, Blau oder Rot. Dicke und dünne Stoffe, glatte und raue Oberflächen. So normal, und doch ist etwas anders: Sie bestehen nur aus Materialien, die übrig waren, weggeschmissen werden oder recycelt wurden. „Anders als beim Recycling benutzt man beim Upcycling das Material so wie es ist und macht es mit einem guten Design höherwertig“, erklärt Annekathrin Metzler. Sie und ihr Mann halten einen Vortrag über Upcycling und leiten selber in Düsseldorf ihr eigenes Unternehmen. Seit 2012 sind sie mit "PLUP - planet upcycling" in der Landeshauptstadt und haben einen Ort für Außergewöhnliches geschaffen. Aus dem Hemd vom Papa wird eine Hose für den Sohn, aus dem Maxi Rock der Tante werden Röcke für die Nichten und aus Omas geliebter Häckeldeke ein moderner Kissenbezug – PLUP macht aus wertvollen Einnerung moderne Einzelstücke für alle Generationen. Die Kunden können mit ihren Dachbodenschätzen kommen und gehen mit etwas persönlich wertvollem, aber neu einsetzbarem Produkt nach Hause. Dabei geht es um die Wertschätzung, das Erkennen und die Kreativität des Designers, um aus Aussortiertem etwas neues zu schaffen.

Schon immer war es notwendig, aus gebrauchtem etwas wiederverwendbares zu schaffen. Kleidung aus Kartoffelsäcken, Patchworkdecken aus Stoffresten oder Kissen aus abgenutzten Hemden – Upcycling gehörte schon vor Jahren und vor allem für unsere Großeltern zum alltäglichen Leben dazu. Und seit einigen Jahren liegt Selbermachen, auch Do it yourself genannt, wieder im Trend.

Aber nicht nur alte Hemden können wiederverwendet werden: In Deutschland werden jedes Jahr um die zwei Millionen Tonnen Milch entsorgt, aus der Anke Domaske aus Hannover ein neues Produkt gewonnen hat: Mit ihrem Unternehmen QMILK werden Faser aus Milch geschaffen, die so weich wie Seide sind, aus 100% natürlichen und nachwachsenden Materialien. Nicht nachwachsend, aber trotzdem nützlich sind Fischernetze, die sich von ihren Boten losgerissen haben und nutzlos im Meer herumgeistern.  Die  sogenannten „Geisternetze“ werden bei dem Hamburger Unternehmen Jan'n June zusammen mit Plastikschrott in Form von Fäden verwendet, woraus weich fallende Kleider entstehen. Bleed Clothing hingegen hat die vegane Antwort auf Leder – Kork! Für Lederjacken und Gürtel nutzen sie die nachwachsende Rinde der portugiesischen Korkeiche. Doch bei dem Vortrag wurde klar, dass aus fast allem und vor allem jeder etwas upcyceln kann. Mode aus Strickwaren, Anzüge aus Handwerkerkleidung, Bademode aus Zuschnittresten oder Ohrringe aus einem Skateboard. Wer etwas Individuelles tragen möchte, hat die Qual der Wahl.

Meist sind es besondere Teile mit Hintergrund. Mit Erinnerungen. Eine rote Handtasche von Elvis and Kresse zieht alle Blicke auf sich. Die „Box Bag“ weißt eine extreme Robustheit auf mit lederartigem Material: Ein britischer Feuerwehrschlauch. Das besondere: Die Tasche riecht nach Öl, Feuer – Der Ursprungsschlauch hat Menschenleben gerettet. Eine khaki-farbene Jacke mit Schriftzügen auf beiden Ärmeln ist kuschelig weich – der Stoff stammt von einer Militärdecke, die schon vor Jahren Menschen warm gehalten und ihnen so geholfen hat.

Die Materialien werden zum Upcyceln genutzt, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllen. Die Produktionsbedingungen müssen stimmen, die Haltbarkeit und Zweckmäßigkeit muss gegeben sein und es muss unbedingt wandelbar- und kombinierbar sein. Des Weiteren spielen die Qualität, der Rohstoff, sowie die Wiederverwendbarkeit eine große Rolle. Dennoch sind die fair hergestellten Produkte nicht ganz billig: Eine Jacke, die im Sommer und Winter getragen werden kann, kostet schon mal bis zu 400 Euro. Es bleibt jedem selbst überlassen, ob man für gute und lang haltbare Mode viel Geld ausgibt und so der Umwelt etwas Gutes tut oder zu billig produzierten Labels geht, die nicht nur der Umwelt schaden, sondern unter menschenverachtenden Umständen produzieren. Es ist ein heikles Thema. Das Problem: Upcycling ist noch nicht in die Massenproduktion übergegangen, wodurch die Produkte so hochpreisig sind. Die Designer müssen den Anfang machen. Sie müssen neue Materialien erkunden, deren Verfügbarkeit prüfen und kreativ sein, um daraus tragbare Mode schaffen zu können. Außerdem, so erklärt das Ehepaar Metzler, muss beachtet werden, wo getragene und abgenutzte Mode landet. Kann sie wieder verwendet werden? Oder kann sie sich selbst regenerieren und in der Umwelt verrotten?

Wir brauchen nur einmal in unseren Kleiderschrank schauen. Wie viele Teile ziehen wir wirklich an und wie viele liegen schon seit Jahren einfach nur in der untersten Schublade? Upcyceln! Laut einer Statistik werden in Deutschland jährlich um die 700.000 Tonnen Textilmüll produziert. Eine ungemeine Menge an noch verwertbareren Materialien. Und bevor Oma's Tischdecke im Müll landet, nutzt sie lieber Christina Schelhorn aus Hamburg, die zu den ersten Designerinnen der Upcycling-Szene gehört. Sie fertig Kleidung ausschließlich aus Alttextilien an. Für die Sportlichen unter uns verwendet das Label Zirkeltraining von Bern Dörr Möbel, Taschen und Accessoires aus altem Leder ehemaliger Turngeräte oder gebrauchten Turnmatten an.

Aus Scrabble-Steinen ein Armband, Wankhaken aus Besteck oder Vogelfutterhaus aus altem Geschirr – jeder kann kann upcyceln. Man muss nur kreativ sein. So können aus Fallschirmen, Seegras, Colaflaschenlaschen, Wohntextilien, PET, Zelten, Fahrradschlauch und Co. umweltschonende, nachhaltige und einzigartige Produkte geschaffen werden.