Vegan bedeutet Verzicht. Verzicht auf Leder, Seide und Wolle. Aber vor allem der Verzicht auf die eigentlich alltäglichen Nahrungsmittel. Kein Fleisch, Nachtschattengewächse wie Kartoffeln, Milch und Milchprodukte, Alkohol, Kaffee, Zucker oder Honig. Die meisten Veganer empfinden ihre Lebensumstellung jedoch nicht als Verzicht sondern als Bereicherung. Diana Heit vermisst nichts, seit sie auf tierische Produkte verzichtet. Im Gegenteil: „Ich hab so viel dadurch gewonnen. Ich habe ein paar überflüssige Kilos verloren, fühle mich weniger müde und wohler in meiner Haut“. Sogar ihre starken Migräneanfälle seien deutlich besser geworden. Für Diana Heit ist klar: „Ich verzichte nicht, ich lebe bewusst.“ Doch auch wenn es ihr nicht so erscheint, ihr Körper muss sehr wohl verzichten. Es stellt sich die Frage, wie schädlich dies ist. Kann ein Leben der Entbehrung ein gesundes Leben sein?

Durch eine vegane Ernährung können dem Körper wichtige Stoffe wie Proteine, Eisen, Jod, Zink und Eiweiß vorenthalten werden. Auch eine ausreichende Versorgung mit Kalzium ist schwierig, da dessen Hauptlieferant Milchprodukte sind. Kalzium spielt jedoch für eine gesunde Knochenstruktur eine große Bedeutung. Brüche heilen bei Veganern daher unter Umständen langsamer. Zudem ist das Risiko, an Osteoporose zu erleiden, höher. Vitamin B12 und Vitamin D können ausschließlich durch tierische Produkte aufgenommen werden, sind jedoch mit verantwortlich für den Stoffwechsel und die Bildung von roten Blutkörperchen. Ein entsprechender Vitaminmangel kann unter anderem zu Depressionen oder dauerhafter Müdigkeit führen. Die deutsche Gesellschaft für Ernährung rät von einem veganen Leben ab.

Krank durch vegane Ernährung?

Barbara Frielinghaus war lange Veganerin. In den ersten zwei Jahren ging es ihr damit gut. Sie empfand sich selbst als gesünder und aufgrund des Gewichtsverlustes sogar als schöner. Doch mit der Zeit begann sie, sich schlapp, unkonzentriert und lustlos zu fühlen. „Meine Finger fingen an zu kribbeln, ich fühlte mich in einem ständigen Stresszustand“. Diese Symptome wurden verursacht durch eine dauerhafte Unterzuckerung und einen starker Mangel an Vitamin-B12. Die daraufhin verschriebenen Vitaminpillen vertrug sie nicht. Eine andere Möglichkeit zur Versorgung mit den von ihr benötigten Stoffen gibt es jedoch nicht. Irgendwann kam es ihr vor, als würde sie überhaupt kein Essen mehr vertragen. Nach sieben Jahren veganem Leben zog sie die Reißleine und begann wieder Fleisch und andere tierische Produkte zu sich zu nehmen. Schnell begann sie, sich besser zu fühlen. Und gesünder. Frielinghaus ist der Ansicht, eine vegan Ernährung sei nicht für jeden geeignet. Es komme eben auf die individuellen Bedürfnisse an. „Mein Körper hat mir klar gesagt: Ich will diese ganzen Pflanzen nicht mehr, ich will etwas anderes“.

Die meisten Veganer nehmen regelmäßig Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel zu sich, um den Vitaminmangel auszugleichen und sich ausreichend mit Nährstoffen zu versorgen. Damit ihre Lebensweise für den Körper überhaupt tragbar ist, benötigen sie ein hohes Maß an Disziplin, Eigenverantwortung und Fachwissen. Wer dazu nicht bereit oder nicht in der Lage ist, kann auf Dauer als Veganer nicht gesund bleiben. Schon kleinste Fehler bei der Einnahme der Mittel oder das Fehlen eines bestimmten Vitamins kann beträchtliche gesundheitliche Folgen haben, wie das Beispiel Barbara Frielinghausens zeigt. Hinzu kommt, dass viele Veganer trotz Einnahme aller empfohlenen Ergänzungsmittel über empfindliche Zähne oder verstärkten Kariesbefall klagen. Der amerikanische Zahnarzt Weston Price fand Anfang der 1930er heraus, dass tierische Eiweiße wichtig für die Zähne sind und Naturvölker, deren Ernährung reich an solchen ist, haben die stärksten und gesundesten Gebisse. Vegane Ernährung ist also schädlich für die Zähne. Es gibt jedoch kein Präparat, welches gegen diese Mangelerscheinung und die daraus resultierenden Zahnprobleme helfen könnte. Es ist möglich, die meisten Mangelerscheinungen auszugleichen. Aber nicht alle. Eine vollkommen ausgewogene vegan Ernährung ohne Nebenwirkungen ist daher nicht möglich.

Für Veganer gibt es mittlerweile eine Vielzahl von alternativen Lebensmitteln, die den Verzicht auf tierische Produkte erleichtern sollen. Doch auch diese können Nebenwirkungen haben. Barbara Frielinghausens Periode setzte aus, als sie sich über mehrere Jahre hinweg vegan ernährte. Ihr Eindruck: „Je mehr Tofu und Sojamilch ich aß, desto größer wurden die Abstände und so schlechter fühlte ich mich während meiner Regel“. Soja enthält Östrogen und stört daher den Hormonhaushalt. Manche Forscher vermuten sogar, es könne unfruchtbar machen. Der Ernährungswissenschaftler Jorge Chavarro stellte 2006 fest, dass Männer, die täglich ein Sojaprodukt essen, im Schnitt 41 Millionen Spermien weniger aufwiesen als der durchschnittliche Wert beträgt. Zudem enthält Soja einen Verdauungsenzyme hemmenden Stoff. Frielinghaus erinnert sich ganz genau daran:„Ich hatte das Gefühl, eine Substanz in meinem Bauch zu haben, die sich nicht zersetzt“.

Noch nie ein tierisches Produkt gegessen

Die 11-jährige Aljoscha hat noch nie ein tierisches Produkt zu sich genommen. Ihre selbst vegan lebende Mutter ernährt auch sie seit ihrer Geburt alternativ. Heute schreibt das Kind in einem eigenen Blog über seine Erfahrungen und führt das vegan Leben aus voller Überzeugung. Das Gefühl, auf etwas verzichten zu müssen, hat auch Aljoscha nicht:„Tiere sind für mich keine Lebensmittel. Käse stinkt abartig, mich ekelt das alles an“. Doch gerade Säuglinge und Kinder haben einen erhöhten Nährstoffbedarf. Durch eine unzureichende Versorgung an Calcium, Vitamin D und Vitamin B12 kann es zu Entwicklungsverzögerungen und neurologischen Störungen kommen. Die European Society of Paediatric Gastroenterology, Hepatology and Nutrition stellte 2008 fest, dass bei Kindern, die bis zu ihrem zehnten Lebensjahr vegan ernährt wurden, auch noch bis ins Alter von 18 ein verzögertes Wachstum festzustellen war. Die Muttermilch einer vegan lebenden Frau enthält keine ausreichende Menge an Lactose und Nährstoffe. Ein auf diese Weise ernährter Säugling wäre bereits direkt nach seiner Geburt auf Nahrungsergänzungsmittel angewiesen. Daher ist eine vegan Ernährung sowohl für Mütter als auch für Heranwachsende ungeeignet.

„Eure armen Kinder“ ist ein Satz, den Jasmin Hekmati oft hört. Sie ernährt ihre vierköpfige Familie rein vegan und ist der Ansicht, eine gut organisierte vegane Ernährung sei die gesündeste und beste Art, Kinder großzuziehen. Zwei mal im Jahr lässt sie die Blutwerte ihrer Familie kontrollieren, bisher gab es keinerlei Auffälligkeiten. Allerdings können weder sie noch ihre Kinder auf die Einnahme einer Vielzahl an Medikamenten und Nahrungsergänzungsmitteln wie beispielsweise verschiedene Vitamin-Tabletten verzichten. „Viele Eltern fügen ihren Kindern Schaden zu, indem sie ihnen ungesundes Essen mit viel zu viel Fleisch, tierischen Fetten und Zucker und dafür viel zu wenig Gemüse geben“, betont Hekmati. Man müsse allerdings genau wissen, wie eine vegane Ernährung richtig funktioniert, sonst könne auch sie ungesund sein. Im Januar 2015 wurde beispielsweise in Italien einer Mutter per Gerichtsbeschluss verboten, ihren Sohn vegan zu ernähren. Ein medizinisches Gutachten war zu dem Schluss gekommen, dass er an einer Unterversorgung litt.

Was ist eigentlich natürlich?

Viele Veganer bezeichnen ihren Lebensstil als den einzig natürlichen. Dementsprechend würden sie überhaupt nicht verzichten, sondern wir nur überflüssiges zu uns nehmen. Aber entspricht dies wirklich der Realität? Tatsächlich ernährten sich die ersten urzeitlichen Menschen zunächst nur von Früchten. Da allerdings sowohl für Obst als auch für Fleisch ein sehr ähnlicher Verdauungstrakt erforderlich ist, entdeckten die Steinzeitmenschen früh Fleisch als neue und bald auch als ihre wichtigste Nahrungsquelle. Laut dem Ernährungsforscher Tobias Lechner habe dies große Folgen für die menschliche Geschichte gehabt. „Die Integration von tierischen Eiweißquellen in den humanen Speiseplan war sehr wahrscheinlich ein Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung der kognitiven Leistungsfähigkeit“. Bei veganer Ernährung von unserer natürlichen und einzig richtigen Lebensweise zu sprechen, erscheint daher sehr weit hergeholt. Wären die Menschen ewig vegan geblieben, so hätten sich ihre Gehirne nie auf den heutigen Stand entwickeln können. Was den wohl größten und fatalsten Verzicht der Menschheit bedeutet hätte.

Ein Großteil der Bevölkerung hat Vorurteile gegenüber Veganern: „Die sind total naiv“. „Die essen doch heimlich Schokoriegel“. „Die wollen sich nur wichtig machen“. Vor allem aber gilt eine vegane Ernährung für viele Menschen allgemein als ungesund. Wer den Text bis zu dieser Stelle gelesen hat, wird sich nun in seiner Meinung bestätigt fühlen. Hier verwechselt man ungesund jedoch schnell mit den Entbehrungen, die der Körper auf sich nehmen muss. Natürlich können Mangelerscheinungen problematisch und eine falsche vegane Ernährung schädlich für den Körper sein. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Veganer generell ungesünder leben als der Durchschnittsmensch. Im Gegenteil. Statistisch gesehen leiden Veganer an weniger Krankheiten und haben ein geringeres Risiko einen Herzinfarkt beziehungsweise einen Schlaganfall zu erleiden oder an Krebs zu erkranken. Zudem haben sie nur selten Übergewicht oder Bluthochdruck. Die American Dietetic Association ermittelte vor einigen Jahren den Grund für den besseren Gesundheitszustand. Veganer nehmen weniger ungesunde Fette, Salze und Cholesterin zu sich, dafür aber wesentlich mehr wertvolle Mineralstoffe und Ballaststoffe. Das größte aller veganen Vorurteile entspricht also nicht der Realität.

Aber wie ist das möglich? Wir haben belegt, die vegane Ernährung ist ursprünglich nicht unsere natürliche, sie hätte unsere Entwicklung sogar behindert. Doch unsere Lebensweise hat sich verändert. Anders als Steinzeitmenschen sind wir zumindest in den meisten Fällen in der Lage, einen adäquaten Ersatz für tierische Produkte zu finden. Wir gehen einfach in den Supermarkt und kaufen das, was wir brauchen. Und hier liegt der große Unterschied. Veganer leben bewusster, machen sich mehr Gedanken über Inhaltsstoffe und die von ihnen benötigten Mengen des jeweiligen Nahrungsmittels. Wir meistens nicht. Wir übertreiben. Wir konsumieren. Essen mehr Fleisch, als gut für uns wäre, und Produkte, die eine Vielzahl von schädlichen Inhaltsstoffen enthalten. Veganer umgehen durch ihren Lebensstil viele der für uns allgegenwärtigen gesundheitlichen Risiken. Der 33-jährige Attila Hildmann hat in seiner Jugend gerne und vor allem viel Fleisch gegessen. Dann starb sein Vater, der jahrelang an erhöhten Cholesterinwerten gelitten hatte, an einem Herzinfarkt. Daraufhin ließ sich auch Attila untersuchen. Die Ergebnisse, so erzählt er, hätten ihm die Augen geöffnet. Radikal ändert er seine Ernährung und wird Veganer. Die Umstellung lohnt sich: „Ich habe mich noch mal checken lassen und meine Blutwerte waren erst gut, als ich mich vegan ernährt habe“. Heute ist er Fernsehkoch und hat mehrere vegane Kochbücher veröffentlicht. Sein Ziel sei es, die Welt ein Stück zu verbessern. „Für die 430 000 Menschen, die jährlich in Deutschland an ernährungsbedingten Krankheiten sterben“.

Den meisten Veganern fällt es nicht schwer, einer Vielzahl an Lebensmitteln und Produkten zu entsagen. Die Überzeugung ist stärker. Doch für den Körper ist ein veganes Leben geprägt vom Verzicht. Auf wichtige Vitamine. Auf eine konstante Energiezufuhr. Auf ausreichend Kalzium. Aber auch auf ungesunde Lebensmittel und eine Vielzahl von schädlichen Stoffen. Gegen einen Vitaminmangel kann man in den meisten Fällen Nahrungsergänzungsmittel nehmen. Nicht aber gegen verstopfte Arterien. Wiegt man die Risiken gegeneinander ab wird klar, Verzicht muss nicht immer etwas negatives bedeuten. Ein Leben der Entbehrung kann also durchaus ein gesundes Leben sein.

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